1918. Zwischen Niederlage und Neubeginn

Eine Ausstellung der Museumslandschaft Hessen Kassel und des Stadtmuseums Kassel

10.November 2018 – 28.April 2019

Ausstellungsorte: Hessisches Landesmuseum Kassel und Stadtmuseum Kassel

 

Wahlrecht für Frauen, Acht-Stunden-Arbeitstag, bezahlbarer Wohnraum für alle – einige wichtige Rechte und Freiheiten, die in unserer Lebenswelt heute selbstverständlich erscheinen, wurden bereits vor rund 100 Jahren gesetzlich festgeschrieben, als Deutschland zum ersten Mal eine Demokratie wurde. Aus der Katastrophe des Ersten Weltkriegs entstand eine neue Staatsform, in der das deutsche Volk die Geschicke des Landes aktiv mitgestalten konnte.

„1918. Zwischen Niederlage und Neubeginn“ ist das erste gemeinsame Ausstellungsprojekt des Hessischen Landesmuseums Kassel und des Stadtmuseums Kassel; Anlass ist der hundertste Jahrestag des Kriegsendes und der Ausrufung der Republik. Beide Ereignisse sind eng mit der Kasseler Stadtgeschichte verbunden: Während der Kasseler Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 in Berlin die Deutsche Republik ausrief, organisierte Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ab dem 15. November 1918 die Demobilisierung der deutschen Truppen von Kassel-Wilhelmshöhe aus. Wie auch andere deutsche Städte war Kassel Schauplatz revolutionärer Umbrüche, die noch heute unsere Gesellschaft prägen. So präsentiert die Ausstellung diese turbulente Zeit in zahlreichen Facetten: Aus der Kriegsniederlage, den revolutionären Wirren und all den Unsicherheiten erfolgten wegweisende Veränderungen und Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur. Gleichzeitig schufen die Folgen der Niederlage und extrem widersprüchliche politische Strömungen unüberwindbare Hürden zur dauerhaften Entwicklung eines demokratischen Staates.

Der Alltag der Menschen beruhte auf gegensätzlichen Erfahrungen und Empfindungen: So konnte die Aufbruchsstimmung nach Gründung der ersten deutschen Republik nicht über die materielle Not hinwegtäuschen. Den neuen politischen und kulturellen Freiheiten standen Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und Arbeitslosigkeit gegenüber. Welche Folgen hatte also der Erste Weltkrieg für die Stadt Kassel, für das Umland und die Gesellschaft? Welche Veränderungen brachte die Weimarer Republik? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Ausstellungsprojekts.

An verschiedenen Stellen der Präsentation werden den Besucherinnen und Besuchern die Themen besonders anschaulich nahegebracht: Sei es bei einer lebensgroß gezeichneten Straßenszene, bei der man Ende 1918 auf dem Königsplatz den unterschiedlichsten Menschen begegnen und sich gedanklich in ihr Leben hineinversetzen kann; sei es bei der Gegenüberstellung einer ärmlichen Küche aus der Kasseler Altstadt und einer modernen Einbauküche aus dem damaligen Siedlungsbau; oder sei es bei einem Gang durch die Kasseler Konzertcafés und Schankwirtschaften zu den Klängen eines selbstspielenden Klaviers. Die Besucher werden in die Goldenen Zwanziger Jahre entführt, als die Damen wild Charleston oder Shimmy tanzten und Bubikopf und Flapper-Kleider trugen. Darüber hinaus wird ein Blick auf den Sport geworfen, der sich zu einem beliebten Freizeitvergnügen entwickelte. Einen besonderen Hingucker bieten Grafiken und Gemälde von Künstlerinnen und Künstlern aus der Weimarer Republik, die das politische und gesellschaftliche Leben auf vielfältige Art und Weise spiegeln. Eine neue Pädagogik versuchte, den Drill der Kaiserzeit in den Schulen zu verdrängen, und durch den Hunger nach Bildung erlebten die Volkshochschulen einen regelrechten Boom. Und welche Ziele verfolgten zwei Frauensiedlungen in der Rhön?

Auch sind die Besucher zum Wählen aufgerufen: Welcher Partei der Weimarer Republik würden sie am ehesten ihre Stimme geben? Oder welche der Errungenschaften der Weimarer Republik sind ihnen heute noch besonders wichtig?

Unterschiedliche Medienstationen informieren etwa über Scheidemanns Ausrufung der Republik, das neue Frauenwahlrecht oder die Wiedereingliederung von Kriegsversehrten in den Nachkriegsalltag, und ein Dokumentarfilm begibt sich auf die Spur eines im Krieg Gefallenen und die Orte seines Gedenkens. An speziell konzipierten Mitmachstationen können die Besucher zudem ihre Kreativität unter Beweis stellen, z. B. beim Packen einer „Liebeskiste“ für die Soldaten an der Front.

Bei dem vielfältigen Führungsprogramm in beiden Häusern erhalten die Besucher Hintergrundinformationen. Bei Rundgängen zu verschiedenen Orten können sie noch heute im Stadtbild von Kassel vorhandene Zeugnisse aus dieser Zeit erleben. Vorträge von Experten vertiefen spezielle Aspekte der Ausstellung.

 

1918 001

Philipp Scheidemann vor dem Fridericianum in Kassel (bei der Kundgebung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold), 1923
Stadtarchiv Kassel, Fotograf: Carl Eberth

 

1918 002

Paul von Hindenburg reist aus Kassel ab, 1919
Stadtarchiv Kassel, Fotograf: Carl Eberth

 

1918 003

Motorisiertes Flak-Geschütz der Firma Henschel in einer Werkshalle, 1918
Stadtmuseum Kassel

 

1918 004

Stahlskelette, Bauten der Rothenberg-Siedlung, 1929
Stadtmuseum Kassel / Dauerleihgabe